
ours, not mine
Eine Ausstellung des PLANET H Eröffnung 6. September 2026 um 16:00 es spricht Nina Schedlmayer
Dauer der Ausstellung: 7. September bis 2. Oktober 2026
Nicole Pruckermayr / Sabina Hörtner
Sabina Hörtner, Nina schedlmayer, Nicole Pruckermayr
Nina Schedlmayer, Nicole Pruckermayr
BAUM JEIN von nicole pruckermayr
Fotos: Ario Omidvar
links eine Arbeit von Sabina Hörtner, rechts: Nicole Pruckermayr
links eine Arbeit von Nicole Pruckermayr (fotografiert von Raphael Daum), rechts eine Arbeit von Sabina Hörtner
Gegen das stille Vergehen der Natur:
„Ours, not mine“ von Sabina Hörtner und Nicole Pruckermayr
Text von Nina Schedlmayer
Vor gar nicht so langer Zeit wusste ich gar nicht, dass es den Schwalbenschwanz-Enzian überhaupt gibt. Jetzt aber wünsche ich mir umso mehr, dass dieser lange Lulatsch […] noch möglichst lange auf dieser Welt bleibt.“ Das schrieb die Journalistin Nina Horaczek.1
Sabina Hörtner hatte sie und andere Freund:innen und Bekannte eingeladen, die Patenschaft für vom Aussterben bedrohte Pflanzen zu übernehmen. Das bedeutete: Die Künstlerin führte die jeweilige Person zu einem Standort des jeweiligen Gewächses und fertigte später im Atelier eine Zeichnung an, die sie dieser schenkte. So ruft sie Pflanzen ins Gedächtnis, die still und leise zu verschwinden drohen. 2014 in der Steiermark, in der Oststeiermark, begonnen, führte sie das Projekt später im südlichen Niederösterreich weiter.
Aus den Zeichnungen mit Marker – Raster, die übereinandergelegt und mancherorts lückenhaft sind – entstanden Skulpturen: Gitterstrukturen aus lackiertem Edelstahl. Diese zeichnen, wenn auch nicht ganz streng, Farben und Formen der Pflanzen nach. Sie stehen, entweder in der Landschaft oder, auf einem Betonfuß im Ausstellungsraum. Aufs Äußerste reduziert, werden sie zu flächigen Erinnerungen – mit Zwischenräumen, die den Umraum rahmen oder Leerstellen lassen.
Der Titel der Serie, „It’s a pity that still….“, spielt mit einer Doppeldeutigkeit: „Still“ bedeutet auf Englisch sowohl „noch immer“ als auch „leise“. Natürliche Strukturen vergehen ohne großes Getöse, sukzessive. Und so fehlt plötzlich immer mehr. Auch die Namen der einzelnen Skulpturen – „T k nb nd (Türkenbund / Lilium martagon“, „Bl r E se h t (Blauer Eisenhut / Aconitum napellus)“ oder „C r str se (Christrose / Helleborus niger)“ – sind buchstäblich durchlöchert.
Aus den Skulpturen wiederum wuchsen gewissermaßen Gemälde wie „Weggehen in weiß, gelb und grün (Weiße Waldhyanzinthe / Platanthera bifolia)“. Auch hier steht der Titel für das Verschwinden. In dem Transferprozess von Zeichnung zu Skulptur zu Malerei – die Künstlerin nennt es Stille-Post-Prinzip – manifestiert sich selektive wie verdichtete Erinnerung.
Das Verschwinden von Pflanzen ist auch Thema von Nicole Pruckermayrs Performances, Installationen und Fotografien. Im Grazer Stadtteil Reininghaus entsteht auf einem einstigen Brauereigelände ein Stadterweiterungsgebiet. Wo früher wilde G’stetten waren, wachsen seit Jahren Neubauten in die Höhe. In ihrer Performance „BAUM JEIN“ positioniert sich die Künstlerin vor Bäumen mit einem Schild, das auf einer Seite mit „Ja“, auf der anderen mit „Nein“ beschriftet ist: Die wechselnde Zustimmung und Ablehnung verweist auf die Ambivalenz der Situation. Schließlich stecken politisch Verantwortliche im Zwiespalt zwischen der Notwendigkeit urbaner Verdichtung einerseits und ökologischen Erfordernissen andererseits. Gleichzeitig erinnert die schlichte Ja-Nein-Polarität auch daran, dass das Spektrum bisweilen eben doch breiter ist. Oder, wie die Künstlerin es in Anspielung auf die bereits fertig gestellten Planungen der Reininghausgründe formuliert: „Gibt es noch eine Möglichkeit, eine humanere Sicht in einem schon ausformulierten Zustand mitzunehmen?“
Während sie hier mit dem Ungewissen spielt, so sind Textilien auf Bäumen und Markierungen üblicherweise eindeutige Zeichen: Sie weisen darauf hin, dass diese Pflanzen demnächst gefällt werden sollen. Wenn Pruckermayr nun einen großen alten Baum mit gelbem – abbaubarem – Textil umwickelt, so spielt sie damit auf diese Zeichen an („Todesschleife“ nennt sie es); darüber hinaus hebt die Schleife den Baum als erhaltenswertes Naturdenkmal hervor – und wäre im Idealfall ein Rettungsanker dafür.
Zu diesen Hinweisen auf demnächst nicht mehr existierende Bäume im Stadtraum veranstaltet Nicole Pruckermayr immer wieder Prozessionen, die für urbanes Grün plädieren. Mehrere Menschen balancieren dabei Kuben, die Baumkronen symbolisieren, und verharren an Orten, denen Bäume fehlen. Während der Laufzeit der Ausstellung wird sie eine Baumprozession in der Nähe von PLANET H starten. „Man vergisst, dass an manchen Orten vor Kurzem nur Erde war“, sagt die Künstlerin.
„Ours, not mine“ nennen Sabina Hörtner und Nicole Pruckermayr ihre Ausstellung und machen mit diesem Titel bewusst, dass die Natur allen und daher niemand gehört. Sie wirken künstlerisch dem stillen Vergehen entgegen.
1 Sabina Hörtner: Bleiben Sie bitte, PatIn!, Wien 2021, o. S.
Nicole Pruckermayr, geboren in Oberösterreich, lebt in Graz und Niederöblarn. Sie ist Konzeptkünstlerin und beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Praxis mit Handlungsmöglichkeiten und Möglichkeitsräumen in öffentlichen Räumen sowie in Stadt- und Stadtentwicklungsgebieten.
Sie studierte Architektur, Visuelle Kultur und Kunstanthropologie in Graz und Wien. Ihre Arbeiten umfassen diverse KIÖR-Projekte, teils partizipativ mit vielen Beteiligten, sowie Ausstellungstätigkeiten und Performances im In- und Ausland.
Für ihr künstlerisches Schaffen erhielt sie 2019 den Kunstförderungspreis der Stadt Graz
Sabina Hörtner studierte Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Bruno Gironcoli und schloss ihr Studium 1995 mit Diplom ab. Für ihre Abschlussarbeit wurde sie mit dem Würdigungspreis der Akademie ausgezeichnet. Seit 1987 (im Frauenmuseum Bonn) ist sie mit Ausstellungen und Arbeitsaufenthalten im In- und Ausland vertreten, unter anderem in Wien, Graz, Mürzzuschlag, New York, Hongkong, Los Angeles und Amsterdam. Sie realisierte mehrere Kunst-am-Bau-Projekte, darunter WOMENT! 20+03 Orte und Augenklinikum am LKH Graz. Von 2001 bis 2004 war sie Assistant Professor am Institut für Zeitgenössische Kunst an der Technischen Universität Graz.
Sabina Hörtner arbeitet interdisziplinär mit Zeichnung, Malerei, Skulptur und raumbezogenen Installationen. Der dreidimensionale Raum bildet dabei häufig den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Interventionen. Seit 2014 beschäftigt sie sich in ihrer Arbeit mit dem Verschwinden kleiner Details im unmittelbaren Umfeld und thematisiert dabei auch den Verlust geschützter Arten.
Sie lebt und arbeitet in Wien und im südlichen Niederösterreich. Seit Frühling 2026 betreibt sie in Wien den Kunstraum PLANET H.
DANK an PLANET H und Sabina Hörtner
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